Weitere Voraussetzungen an der hinterlegten Adresse

Deep Reading im Alltag

Zufällig fand ich heraus, wie man sich mit dem sogenannten Quereinstieg als Lehrer*in in Berlin bewirbt. Beim genauen Lesen stellt sich heraus, dass die Bewerbung etwas ungewöhnlich geregelt ist:

Zunächst müsste ich meine Bewerbung online “veranlassen”. Das klingt etwas seltsam, aber immerhin geht es hier um den Dienst an der Gemeinschaft, der Allgemeinheit, und der Zukunft. Das sollte vielleicht wirklich besser erst einmal veranlasst statt direkt und ohne Anlass erledigt werden.

Laut Punkt 2 müsste ich dann wie gewohnt meine online veranlasste Bewerbung per Post an eine Adresse schicken (der Akkusativ müsste hier “hinterlegte” heißen, nicht “hinterlegten”, aber das lassen wir mal beiseite); allerdings würde ich – und das scheint mir bemerkenswert – an eben dieser Postadresse weitere Informationen finden: “Dort” heißt es nämlich, also am im vorigen Satz genannten Ort, “finden Sie auch die weiteren Voraussetzungen, um sich für den berufsbegleitenden Quereinstieg zu bewerben.” Was meines Erachtens zu bedeuten hat, dass ich die weiteren Voraussetzungen für meine Bewerbung erfahre, indem ich mich erst einmal selbst an die hinterlegte Adresse begebe.

Vielleicht löst das Wort “hinterlegen” unbeabsichtigt Assoziationen an Agent*innenfilme aus, aber das klingt ziemlich spannend – ist da vielleicht ein unscheinbarer Kasten aufgestellt, in den man blind hineingreifen muss? Würde ich mich vielleicht gar nicht trauen.

Ich weiß natürlich, was man mir sagen würde, falls ich zur Sicherheit nachfragte, ob ich da jetzt wirklich hinfahren solle. Und die zuständige Person wäre sicher der Auffassung, dass die meisten Leute beim Lesen von Texten selbstständig die kleinen Eigentümlichkeiten ausbessern, die ja nun mal überall vorkommen. Erst recht ja wohl in der Literatur, mit der ich mich ja doch angeblich auskennen würde? Ich würde dann wahrscheinlich sagen, dass ich mich natürlich auch zu diesen Leuten zähle, dass die Sache schon klar ist, und dass auch meine Bewerbung ohne weitere Voraussetzungen veranlasst werden kann.

Ach ja, wir hatten ein Interview im DLF

Deep Reading im Alltag, Inigo's Inquiries

Michael meinte, ich solle doch vielleicht das Interview verlinken, dass die Sendung “Kompressor” am letzten Montag mit ihm zur Frage “Was ist Deep Reading?” gemacht hat. Das sei doch mal eine Aufgabe für den “Assistenten”, sagte er. Manchmal denke ich, er glaubt wirklich, das sei meine Funktion in diesem Haus. Wie dem auch sei: Wenn ich es nicht mache, macht es keiner, und das wäre dann schade. Ich selbst finde Interviews nämlich immer interessant, auch wenn sie kurz sind und die Interviewten nicht wirklich auf die Fragen antworten.  Aber hört selbst.

Kafka und die Frauen

Deep Reading im Alltag, Über Literatur sprechen

Warum ich Wikipedia gut finde? Weil die da zu findenden Infos unschätzbar sind, wenn es darum geht, Schlüsselwerke der Literatur zu verstehen. Ein Beispiel. Über Kafka erfährt man unter anderem Folgendes:

Kafka hatte ein zwiespältiges Verhältnis zu Frauen. Einerseits fühlte er sich von ihnen angezogen, andererseits floh er vor ihnen. […] Als Ursachen für Kafkas Bindungsangst vermutet man in der Literatur neben seiner mönchischen Arbeitsweise (er stand unter dem Zwang, allein und bindungslos zu sein, um schreiben zu können) auch Impotenz (Louis Begley) und Homosexualität (Saul Friedländer).

Als Mensch mit Bindungsangst (and proud of it) kann ich einerseits nur sagen: mit Impotenz hat es überhaupt nichts zu tun. Andererseits finde ich es auch hilfreich, zu wissen, dass das Verhältnis des Autors zu Frauen und so weiter “zwiespältig” war. Das nächste Mal, wenn ich den Prozess lese, werde ich weniger verwirrt sein, dass da am Ende keine feste Beziehung mit gemeinsamem Haus, Auto, Konto und Kind herauskommt: Kafka war ein Bindungsangst-Autor.

Alle Männer sind Hans

Deep Reading im Alltag, Über Literatur sprechen

Warum ich Wikipedia gut finde? Weil die da zu findenden Informationen über Literatur viel Zeit sparen. Ein Beispiel. Ich wollte wissen, was es mit der Erzählung “Undine geht” von Ingeborg Bachmann auf sich hat. Voraussetzungen: Ich wusste nicht so richtig, wer Undine genau ist und demzufolge auch nicht, wohin sie gehen könnte oder warum. Ich war lediglich der Auffassung, dass der Name öfter in der Literaturgeschichte vorkommt.

Wikipedia gibt mir also einen einzelnen Eintrag zu der Erzählung, der einen Absatz mit dem Titel “Bezüge zu anderen Werken über die Undine” enthält,  der aus folgenden zwei Sätzen besteht:

Jean Giraudoux’ Werk über Undine besitzt ebenso wie “Undine geht” eine Figur namens Hans. Diese steht in “Undine geht” für alle Männer.

Ich bin unsicher, inwiefern ich jetzt den Text noch selbst lesen muss oder nicht. Fragen zur Figur Hans habe ich auf jeden Fall keine mehr.