Die ersten paar Sätze (3)

Openings | Eröffnungen

Um einen Eindruck davon zu bekommen, was los ist in der Literatur, lese ich gern Bücher an, die auf Listen stehen. Wegen eines pedantischen Charakterzuges bleibe ich oft bei den ersten Sätzen an Details und formalen Merkwürdigkeiten hängen. Hier teile ich Beobachtungen und Fragen, die sich bei dem Versuch ergeben, in ein Buch reinzukommen.

Anfang gelesen von: Carl-Christian Elze, Freudenberg. (Longlist Buchpreis 2022):

Durch die Lüftungsschlitze roch Freudenberg das Meer. Gerd drehte sein breites Gesicht nach hinten, um rückwärts einzuparken. Freudenberg wich seinem Blick aus und schaute aus dem Seitenfenster. Neben der Bordsteinkante lag ein zerquetschter Igel. Der Bordstein schien fast einen Meter hoch zu sein. Es sah so aus, als wäre das Tier von einer Klippe gestürzt und nicht überfahren worden. Freudenberg vertiefte sich in den Anblick. Der Körper war eine einzige graue Masse, nur die kleine Zunge, die aus dem spitzen Kopf herausragte, war noch rot. Freudenberg musste an seine eigene Zunge denken, daran, dass sie ihm lästig war; schon immer. Schon als Kind hatte er instinktiv begriffen: ohne Zunge keine Sprache und ohne Sprache keine falschen Sätze und ohne falsche Sätze keine falschen Gedanken und Gefühle.

Hängengeblieben an:

  • Wieso weicht Freudenberg dem Blick des einparkenden Gerd aus – schaut der nicht eher nach hinten durchs Fenster? Oder sitzt Freudenberg hinten im Auto, also in Gerds Blickfeld?
  • Wo gibt es Bordsteine, die aussehen, als wären sie einen Meter hoch? Oder ist das eine Übertreibung, die zeigt, wie verzerrt die Wahrnehmung (wohl der Figur Freudenberg) ist?
  • Sind Igel nicht braun, und wenn ja, wieso ist dieser dann grau? Wie erkennt man einen Igel überhaupt in “einer einzigen grauen Masse”?
  • Sprache gibt es natürlich auch ohne Zunge (zB ein Text). Freudenberg scheint also tatsächlich eher instinktiv zu begreifen.

Die ersten paar Sätze (2)

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Um einen Eindruck davon zu bekommen, was los ist in der Literatur, lese ich gern Bücher an, die auf Listen stehen. Wegen eines pedantischen Charakterzuges bleibe ich oft bei den ersten Sätzen an Details und formalen Merkwürdigkeiten hängen. Hier teile ich Beobachtungen und Fragen, die sich bei dem Versuch ergeben, in ein Buch reinzukommen.

Anfang gelesen von: Kristine Bilkau, Nebenan (Longlist Buchpreis 2022)

Ein Containerschiff schiebt sich langsam hinter den Baumkronen und dem Dach der Nachbarn vorbei. Anfangs, als sie erst wenige Tage hier wohnte, war es für sie ein unwirklicher Anblick, den Kanal und das Ufer nicht sehen zu können, selbst von hier oben, aus dem Schlafzimmer nicht, aber eine Schiffsbrücke und die geladenen Container. Stapel bunter Kästen, die gemächlich, wie von allein hinter den Dächern und Bäumen entlang glitten. Im Wochenblatt, das sie manchmal überfliegt, hat sie gelesen, die Leute haben hier früher in der Dämmerung weiße Schiffe durch die Wiesen und Moore schweben sehen, lange bevor der Kanal gebaut und eröffnet wurde. Daran muss sie denken, wenn ein Frachter wie von allein durch die Landschaft fährt.

Hängengeblieben an:

  • Am Ende fährt der “Frachter wie von allein durch die Landschaft“. Fährt aber ein Frachter nicht immer von allein (also durch eigenen Antrieb) durch eine Landschaft und damit mehr als nur wie von allein? Müsste man nicht stattdessen so etwas sagen wie “wie ohne Kanal”?
    Weiter oben scheint es so, als ob Teile eines Frachters “wie von allein” vorbei gleiten. Hier stimmt der Ausdruck “wie von allein”, denn eine Schiffsbrücke und geladene Container brauchen ein Schiff und können eben nicht allein fahren; wenn es scheinbar doch passiert, passiert es tatsächlich nur scheinbar.
    Die beiden Bilder sind also verschieden, obwohl der gleiche Ausdruck verwendet wird, um sie als merkwürdig zu markieren. Was oben scheinbar fehlt, ist das Schiff; was unten scheinbar fehlt, ist der Kanal. Trotzdem impliziert der Rückgriff im letzten Satz, dass es sich um das gleiche Bild handelt. Vermutlich, damit das Bild zu den Geisterschiffen passt, die auch ohne Kanal durch die Landschaft fahren (diesmal aber nicht nur scheinbar, denn es gibt ja noch keinen Kanal). Allerdings wäre auch hier der richtige Ausdruck nicht “wie von allein”, denn auch Geisterschiffe fahren meistens ohne fremde Hilfe.
  • Sollte nicht ein Komma hinter “aus dem Schlafzimmer” stehen bzw. wäre es nicht besser, das Komma davor wegzulassen?
  • Sollte es statt “hat sie gelesen, die Leute haben” nicht “hat sie gelesen, die Leute hätten” heißen (also indirekte Rede und deshalb Konjunktiv 2 als Ersatz für Konjunktiv 1, weil dieser hier nicht vom Indikativ zu unterscheiden wäre)?

Die ersten paar Sätze (1)

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Um einen Eindruck davon zu bekommen, was los ist in der Literatur, lese ich gern Bücher an, die auf Listen stehen. Wegen eines pedantischen Charakterzuges bleibe ich oft bei den ersten Sätzen an Details und formalen Merkwürdigkeiten hängen. Hier teile ich Beobachtungen und Fragen, die sich bei dem Versuch ergeben, in ein Buch reinzukommen.

Anfang gelesen von: Fatma Aydemi, Dschinns (Longlist Buchpreis 2022):

Hüseyin...weißt du, wer du bist, Hüseyin, wenn du die glänzenden Konturen deines Gesichts im Glas der Balkontür erkennst? Wenn du die Tür öffnest, auf den Balkon trittst und dir warme Luft übers Gesicht streicht und die untergehende Sonne zwischen den Dächern der Wohnblocks von Zeytinburnu leuchtet wie eine gigantische Apfelsine? 

Hängengeblieben an:

  • Wenn “Hüseyin” die eigenen Gesichtskonturen in der Spiegelung “erkennt”, ist die gestellte Frage nach der Identität dann nicht schon erledigt?
  • Ist der Vergleich zwischen Sonne und Apfelsine so richtig? Bestimmt kann die Sonne aussehen wie eine gigantische Apfelsine. Aber kann sie auch leuchten wie eine Apfelsine? Apfelsinen leuchten ja eigentlich nicht, außer im übertragenen Sinn.
    Dass die hier gezeigte Apfelsine “gigantisch” ist, ändert daran nichts. Wenn man sagt “Der Hund bellt wie ein kleines Pferd” impliziert das meiner Ansicht auch zu Unrecht, dass Pferde normalerweise bellen, ob sie nun klein sind oder nicht.

Weitere Voraussetzungen an der hinterlegten Adresse

Deep Reading im Alltag

Zufällig fand ich heraus, wie man sich mit dem sogenannten Quereinstieg als Lehrer*in in Berlin bewirbt. Beim genauen Lesen stellt sich heraus, dass die Bewerbung etwas ungewöhnlich geregelt ist:

Zunächst müsste ich meine Bewerbung online “veranlassen”. Das klingt etwas seltsam, aber immerhin geht es hier um den Dienst an der Gemeinschaft, der Allgemeinheit, und der Zukunft. Das sollte vielleicht wirklich besser erst einmal veranlasst statt direkt und ohne Anlass erledigt werden.

Laut Punkt 2 müsste ich dann wie gewohnt meine online veranlasste Bewerbung per Post an eine Adresse schicken (der Akkusativ müsste hier “hinterlegte” heißen, nicht “hinterlegten”, aber das lassen wir mal beiseite); allerdings würde ich – und das scheint mir bemerkenswert – an eben dieser Postadresse weitere Informationen finden: “Dort” heißt es nämlich, also am im vorigen Satz genannten Ort, “finden Sie auch die weiteren Voraussetzungen, um sich für den berufsbegleitenden Quereinstieg zu bewerben.” Was meines Erachtens zu bedeuten hat, dass ich die weiteren Voraussetzungen für meine Bewerbung erfahre, indem ich mich erst einmal selbst an die hinterlegte Adresse begebe.

Vielleicht löst das Wort “hinterlegen” unbeabsichtigt Assoziationen an Agent*innenfilme aus, aber das klingt ziemlich spannend – ist da vielleicht ein unscheinbarer Kasten aufgestellt, in den man blind hineingreifen muss? Würde ich mich vielleicht gar nicht trauen.

Ich weiß natürlich, was man mir sagen würde, falls ich zur Sicherheit nachfragte, ob ich da jetzt wirklich hinfahren solle. Und die zuständige Person wäre sicher der Auffassung, dass die meisten Leute beim Lesen von Texten selbstständig die kleinen Eigentümlichkeiten ausbessern, die ja nun mal überall vorkommen. Erst recht ja wohl in der Literatur, mit der ich mich ja doch angeblich auskennen würde? Ich würde dann wahrscheinlich sagen, dass ich mich natürlich auch zu diesen Leuten zähle, dass die Sache schon klar ist, und dass auch meine Bewerbung ohne weitere Voraussetzungen veranlasst werden kann.

Have you read… The Art of Fiction?

Deep Reading for Writers

Somewhere in The Art of Fiction, David Lodge suggests that the invention of the fax machine may well bring forth a new kind of novel-writing. What that means is that the book is old, and that you won’t find in its pages a section on how TikTok changed reading and writing forever. But apart from that, the book will tell you all you need to know about fiction. For writers, it is a compact treasure chest of things to consider when writing a book; for readers, it is a compact treasure chest of things to consider when reading a book.

The best part is how the book is built: Each chapter begins with an excerpt from a novel that illustrates a certain aspect of writing, such as “Interior Monologue” and “Repetition”, or, a little less obvious, “Staying on the Surface” and “Weather”. If you want to get the most out of these chapters, then do as you’re told by the author and read the excerpts, which range from a few lines to a whole page, first. Unless you are already familiar with a topic you may well get a little confused on your first reading. Hold on, though, and don’t despair. It’s only one page, and after that you can read Lodge’s dissections of the excerpt as well as his contextualizations. As every chapter was originally written for a newspaper, this won’t be longer than three pages.

Once you have heard the pleasant ‘clink’ (some say it’s a ‘cloink’) sound of comprehension in your head, take a break, and then go read the excerpt again. I know this sounds like a use of your time almost too luxurious to consider in public. But if you do it, you will be amazed at what you can now see that you didn’t see before in the excerpt. Each chapter becomes a crash course in the art of reading: First an impatient and ineffective exploration of the unknown, then back to the camp for debrief, a little lecture from the weird old master that makes more or less sense, and then, in the fresh air of the next morning, another visit into the territory that now magically reveals its secrets to you.

Authentisch Frauen anziehen

Inigo's Inquiries

Bei Michael ist es ja so, dass er gerne über die Bedeutung von Wörtern, auch einzelnen, nachdenkt. Überschriften findet er besonders ergiebig. In einem Workshop zu dem Text “The Greater Festival of Masks” von Thomas Ligotti zum Beispiel haben wir neulich eine Viertelstunde diskutiert, was das Wort “Greater” alles bedeuten kann und warum es für den Titel eine interessante Wahl ist. Was ich ganz lustig, aber auch ein bisschen unsinnig fand. Wer wissen will, was gemeint ist, soll im Internet nachschauen.

Heute erreichte uns jedenfalls ein Hinweis auf eine neue Meetup-Gruppe mit dem Titel “Authentisch Frauen anziehen”. Da ich alle drei angesprochenen Themen für unwichtig halte, habe ich mich nicht besonders darüber gefreut. Aber es war deutlich zu erkennen, dass sich Michael sofort in die Überschrift verliebt hat. Auch wenn er scheinbar unberührt sein Frühstück verzehrt hat, habe ich ihm angesehen, dass er sich insgeheim Kleidungsstücke ausgemalt und über die Frage  sinniert hat, was es bedeuten könnte, diese einer Frau anzuziehen und dabei dann nicht authentisch rüberzukommen. Knöpft man ihr den schweren gelben Regenmantel vielleicht ohne Begeisterung zu und nur, um ihr einen Gefallen zu tun? Setzt man ihr einen zu großen hellgrünen Federhut auf und tut nur so, als teile man die Lust an der Verkleidung? Trägt man ihr die roten Schuhe herbei und ist dabei vielleicht so auffallend gleichgültig, dass es nach hinten losgeht?

Welch interessanter Titel, hat er gedacht, welch reizende Fragen über das Leben er provoziert. Und was für eine seltsame Meetup-Gruppe neben all den anderen, die einfach nur Effizienz und Erfolg zum Beispiel bei der Kunst der Verführung versprechen.

Ich selbst habe meinen Kaffee getrunken und die Kommentare zu einem Artikel über Braunkohle gelesen. Im Anschluss habe ich im Internet zu dem Wort “Greater” in Ligottis Titel recherchiert, wobei ich zugeben muss, dass ich da nicht viel Sinnvolles zu gefunden habe.

Pencils in the Forest

Inigo's Inquiries, Openings | Eröffnungen

Early this morning, I found a copy of Jeff VanderMeer’s Annihilation on Michael’s desk, and while irregular snores could be heard from his bed chamber, I took the chance to examine it. I was rather shocked when I found the inside had been brutally transformed into property, forever marking it as one reader’s territory: Whether any of these notes are insightful at all, I cannot say, because I can’t decipher them. But I’ve watched Michael scribbling into books with a pencil before; he usually falls asleep immediately after it, so I guess it’s pretty exhausting and/or gratifying. I, however, also think it is brutalizing and snobbish. In any case, I thought I should share this as a warning for all those who consider taking up a pencil and leaving their marks too: Once you do, your books, no matter how unchanged they may appear on the outside, will cease to be pristine forests to explore. You will leave your equipment rusting all over the place, and readers who come after you won’t know what to do with it.

Ach ja, wir hatten ein Interview im DLF

Deep Reading im Alltag, Inigo's Inquiries

Michael meinte, ich solle doch vielleicht das Interview verlinken, dass die Sendung “Kompressor” am letzten Montag mit ihm zur Frage “Was ist Deep Reading?” gemacht hat. Das sei doch mal eine Aufgabe für den “Assistenten”, sagte er. Manchmal denke ich, er glaubt wirklich, das sei meine Funktion in diesem Haus. Wie dem auch sei: Wenn ich es nicht mache, macht es keiner, und das wäre dann schade. Ich selbst finde Interviews nämlich immer interessant, auch wenn sie kurz sind und die Interviewten nicht wirklich auf die Fragen antworten.  Aber hört selbst.

Flann O’Brien, chuckling

Deep Reading

One of my favorite bits in Flann O’Brien’s The Third Policeman is when the nameless first-person narrator enters the house of the old man he and his companion have murdered. His aim is to finally fetch the old man’s money-box, which was the original reason for the crime. It is in this part that something very important happens to the narrator. Once you know what it is, you have to admire the brazen artfulness in which the author makes his poor, doomed narrator experience it all. People have heard him chuckle in his grave anytime anyone reads the book, I think.

I’m going to give you just one example: There’s a detail that I can’t believe I’ve missed at least three times. When I finally became aware of it, it was only after I knew what I was looking for and where. It’s one of many hints that suggest the narrator himself may not fully realize what is happening to him, even though he tells the story in his own words:

It’s one of the many details in this chapter that tell you another story beyond the surface, and that I think most readers don’t take seriously on a first reading. And I don’t think you have to, actually. The Third Policeman should be read twice, full stop. I do wonder sometimes if anyone ever figured out what happens here without reading the book at least twice or getting a little help from Wikipedia or the like. (If you did figure it all out on your first reading, please write to us, providing evidence.)

It doesn’t really matter, I guess. Even without this narrative layer, The Third Policeman is as trippy a book as you could wish for, both very silly and very unsettling. So each his or her own trip. I personally know people who read the book twice and who didn’t remember this passage at all.