Die ersten paar Sätze (1)

Openings | Eröffnungen

Um einen Eindruck davon zu bekommen, was los ist in der Literatur, lese ich gern Bücher an, die auf Listen stehen. Wegen eines pedantischen Charakterzuges bleibe ich oft bei den ersten Sätzen an Details und formalen Merkwürdigkeiten hängen. Hier teile ich Beobachtungen und Fragen, die sich bei dem Versuch ergeben, in ein Buch reinzukommen.

Anfang gelesen von: Fatma Aydemi, Dschinns (Longlist Buchpreis 2022):

Hüseyin...weißt du, wer du bist, Hüseyin, wenn du die glänzenden Konturen deines Gesichts im Glas der Balkontür erkennst? Wenn du die Tür öffnest, auf den Balkon trittst und dir warme Luft übers Gesicht streicht und die untergehende Sonne zwischen den Dächern der Wohnblocks von Zeytinburnu leuchtet wie eine gigantische Apfelsine? 

Hängengeblieben an:

  • Wenn “Hüseyin” die eigenen Gesichtskonturen in der Spiegelung “erkennt”, ist die gestellte Frage nach der Identität dann nicht schon erledigt?
  • Ist der Vergleich zwischen Sonne und Apfelsine so richtig? Bestimmt kann die Sonne aussehen wie eine gigantische Apfelsine. Aber kann sie auch leuchten wie eine Apfelsine? Apfelsinen leuchten ja eigentlich nicht, außer im übertragenen Sinn.
    Dass die hier gezeigte Apfelsine “gigantisch” ist, ändert daran nichts. Wenn man sagt “Der Hund bellt wie ein kleines Pferd” impliziert das meiner Ansicht auch zu Unrecht, dass Pferde normalerweise bellen, ob sie nun klein sind oder nicht.