Authentisch Frauen anziehen

Deep Reading im Alltag, Inigo's Inquiries

Bei Michael ist es ja so, dass er gerne über die Bedeutung von Wörtern, auch einzelnen, nachdenkt. Überschriften findet er besonders ergiebig. In einem Workshop zu dem Text “The Greater Festival of Masks” von Thomas Ligotti zum Beispiel haben wir neulich eine Viertelstunde diskutiert, was das Wort “Greater” alles bedeuten kann und warum es für den Titel eine interessante Wahl ist. Was ich ganz lustig, aber auch ein bisschen unsinnig fand. Wer wissen will, was gemeint ist, soll im Internet nachschauen.

Heute erreichte uns jedenfalls ein Hinweis auf eine neue Meetup-Gruppe mit dem Titel “Authentisch Frauen anziehen”. Da ich alle drei angesprochenen Themen für unwichtig halte, habe ich mich nicht besonders darüber gefreut. Aber es war deutlich zu erkennen, dass sich Michael sofort in die Überschrift verliebt hat. Auch wenn er scheinbar unberührt sein Frühstück verzehrt hat, habe ich ihm angesehen, dass er sich insgeheim Kleidungsstücke ausgemalt und über die Frage  sinniert hat, was es bedeuten könnte, diese einer Frau anzuziehen und dabei dann nicht authentisch rüberzukommen. Knöpft man ihr den schweren gelben Regenmantel vielleicht ohne Begeisterung zu und nur, um ihr einen Gefallen zu tun? Setzt man ihr einen zu großen hellgrünen Federhut auf und tut nur so, als teile man die Lust an der Verkleidung? Trägt man ihr die roten Schuhe herbei und ist dabei vielleicht so auffallend gleichgültig, dass es nach hinten losgeht?

Welch interessanter Titel, hat er gedacht, welch reizende Fragen über das Leben er provoziert. Und was für eine seltsame Meetup-Gruppe neben all den anderen, die einfach nur Effizienz und Erfolg zum Beispiel bei der Kunst der Verführung versprechen.

Ich selbst habe meinen Kaffee getrunken und die Kommentare zu einem Artikel über Braunkohle gelesen. Im Anschluss habe ich im Internet zu dem Wort “Greater” in Ligottis Titel recherchiert, wobei ich zugeben muss, dass ich da nicht viel Sinnvolles zu gefunden habe.

Kafka und die Frauen

Deep Reading im Alltag, Über Literatur sprechen

Warum ich Wikipedia gut finde? Weil die da zu findenden Infos unschätzbar sind, wenn es darum geht, Schlüsselwerke der Literatur zu verstehen. Ein Beispiel. Über Kafka erfährt man unter anderem Folgendes:

Kafka hatte ein zwiespältiges Verhältnis zu Frauen. Einerseits fühlte er sich von ihnen angezogen, andererseits floh er vor ihnen. […] Als Ursachen für Kafkas Bindungsangst vermutet man in der Literatur neben seiner mönchischen Arbeitsweise (er stand unter dem Zwang, allein und bindungslos zu sein, um schreiben zu können) auch Impotenz (Louis Begley) und Homosexualität (Saul Friedländer).

Als Mensch mit Bindungsangst (and proud of it) kann ich einerseits nur sagen: mit Impotenz hat es überhaupt nichts zu tun. Andererseits finde ich es auch hilfreich, zu wissen, dass das Verhältnis des Autors zu Frauen und so weiter “zwiespältig” war. Das nächste Mal, wenn ich den Prozess lese, werde ich weniger verwirrt sein, dass da am Ende keine feste Beziehung mit gemeinsamem Haus, Auto, Konto und Kind herauskommt: Kafka war ein Bindungsangst-Autor.

Alle Männer sind Hans

Deep Reading im Alltag, Über Literatur sprechen

Warum ich Wikipedia gut finde? Weil die da zu findenden Informationen über Literatur viel Zeit sparen. Ein Beispiel. Ich wollte wissen, was es mit der Erzählung “Undine geht” von Ingeborg Bachmann auf sich hat. Voraussetzungen: Ich wusste nicht so richtig, wer Undine genau ist und demzufolge auch nicht, wohin sie gehen könnte oder warum. Ich war lediglich der Auffassung, dass der Name öfter in der Literaturgeschichte vorkommt.

Wikipedia gibt mir also einen einzelnen Eintrag zu der Erzählung, der einen Absatz mit dem Titel “Bezüge zu anderen Werken über die Undine” enthält,  der aus folgenden zwei Sätzen besteht:

Jean Giraudoux’ Werk über Undine besitzt ebenso wie “Undine geht” eine Figur namens Hans. Diese steht in “Undine geht” für alle Männer.

Ich bin unsicher, inwiefern ich jetzt den Text noch selbst lesen muss oder nicht. Fragen zur Figur Hans habe ich auf jeden Fall keine mehr.

Arbeiten und Träumen

Deep Reading im Alltag, Inigo's Inquiries

Michael hat heute beim Frühstückmachen und dann Frühstücken Radio gehört, so wie man es früher machte, nämlich ohne bestimmtes Ziel einfach DLF eingeschaltet. Und das hat er schnell bereut. Jetzt hat er sich in den Salon zurück gezogen, um nachzudenken und vielleicht noch “etwas Harmonisches zu lesen”, wie er sagt. Aber ich glaube, er denkt nicht nach und liest auch nicht, sondern liegt nur da. Vielleicht träumt er von irgendwelchen Marmortempeln ohne Menschen drin. Er hat nämlich diesen etwas glasigen Blick bekommen, den er immer bekommt, wenn über die Zukunft der Menschheit gesprochen wird.

Besonders wenn es um die wahrscheinliche und abzusehende Zukunft geht. Es kam heute nämlich – nach einer Sendung über 2 Komponisten, die so schöne Wörter wie “hinterfragen” und “dynamisch differenziert” enthielt – eine Sendung von “Essay und Diskurs”, in der über die Gegenwart und Zukunft der Arbeit, also der “Arbeit im Anthropozän” gesprochen wurde.

Es war zwar eine Wiederholung, also längst überholt von der Gegenwart. Trotzdem war so Einiges drin, wie wir beide fanden, während wir ein Rührei mit einer zuerst in Scheiben geschnittenen und dann mitgebratenen Bockwurst und jeweils eine Scheibe Käsetoast aßen: Nämlich zugespitze Einsichten und Thesen über das Leben heute. Einsichten, die man sofort als sinnvoll anerkennt, die man im täglichen Hin und Her aber kurioserweise immer wieder vergisst, obwohl sie das private Leben zu einem großen Teil steuern.

Also vom Kern her: Wie die Industrie 4.0 mit ihren Leuchtfeuern, den Drohnen und Algorithmen, uns eigentlich auffordert, eine Alternative zum Traum der guten, richtigen Arbeit im Dienste des Kapitalismus zu entwickeln. Weil die Hälfte von uns demnächst überflüssig gemacht werden könnte. Und wie wir uns aber tatsächlich tiefer und tiefer in eine Bedrouille gesteckt wiederfinden, weil wir ja statt weniger zu arbeiten mehr arbeiten für weniger Lohn.

Mich betrifft das zum Glück nicht, da mein Arbeitsplatz und meine Rente sicher sind. Aber Michael hat es gar nicht gefallen, an die Realität erinnert zu werden. Wir mussten die Sendung schweigend zu Ende hören, und sein Gesichtsausdruck wurde finster. Er hat am Ende seinen Kaffee genommen und gesagt, er müsse jetzt nachdenken, wie man mit Deep Reading die Dinge in Ordnung bringen kann.

Denn irgendwie, das glaube er, sei das eine gute und richtige Sache, sich radikal und konzentriert mit dem zu beschäftigen, was den Menschen gerade noch liebenswürdig mache: mit dem Denken und der Vorstellungskraft und, ja, am Ende eben mit der Kunst. Und man müsse das weiter entwickeln, weil jetzt genau die richtige Zeit sei, jetzt wo nicht nur der Traum von der guten und richtigen Arbeit, sondern auch das Wachstum aller Dinge zu Ende gehe.

Ich habe nicht verstanden, wo da der Zusammenhang ist. Wenn er wieder aus dem Salon rauskommt, frage ich mal nach. Wobei es gut sein kann, dass er den Gedanken selbst wieder vergessen hat und stattdessen mit einer neuen Idee für einen prähistorischen Roman ankommt. Aus der dann nichts wird, weil es ja, wie er sagen würde, viel Arbeit sei, einen Roman zu schreiben, aber kein Mensch für diese Arbeit zahlen wolle.